Was ist ein »Global Font«?

Der Begriff »Global Font« wird zum Beispiel von der Font-Schmiede URW++ verwendet, um die besonderen Qualitäten der Schriftfamilien Nimbus Sans und Nimbus Roman hervorzuheben:

»Alle Global Fonts enthalten zurzeit rund 45.000 Zeichen und inkludieren den kompletten CJK Zeichenvorrat (China, Japan, Korea). Neben den lateinischen, griechischen und kyrillischen Zeichen und den CJK Kanjis werden auch Hiragana und Katakana, die japanischen Silbenzeichen, als auch der komplette Satz der koreanischen Hangul Silbenzeichen geliefert.«
(siehe www.urw.de →Fonttechnologie →Global Fonts, € 1950 pro Schriftschnitt und Anwender)

Ähnliche Aussagen treffen auch auf die etwas bekanntere Schriftart Arial Unicode MS zu, die auf den Installations-CDs zu einigen Microsoft Office-Programmen (2000-2003) zu finden war:

»This extended version of Monotype’s Arial contains glyphs for all code points within The Unicode Standard, Version 2.0.«
(siehe www.microsoft.com, eine auf Unicode 2.1 aktualisierte Version ist bei Ascender für $ 99 pro fünf Anwender erhältlich)

Beide Aussagen suggerieren, man könne mit nur einem Font bzw. einer Font-Familie das globale Publishing einer Firma abdecken und wäre gemeinsam mit Unicode-fähigen Publishing-Tools alle Font-Sorgen los! Ein schöner Traum…

Der Unicode-Standard kümmert sich um die Bedeutung eines Zeichens, nicht aber um dessen Aussehen. Das folgende Bild zeigt verschiedene As, die elektronisch alle durch das Unicode-Zeichen U+0041 kodiert werden:

Verschiedene Darstellungen des Großbuchstabens A U+0041

Es wird Ihnen sofort klar sein, dass bestimmte Schriftarten nur für bestimmte Dokumenttypen in Frage kommen und sich eine beliebige Mischung von Schriften von vorneherein verbietet. Über die Anmutung einer Schrift hinaus, gibt es schon bei Texten in lateinischen Buchstaben eine Vielzahl kleiner aber feiner kultureller Unterschiede, man denke nur an Anführungszeichen.

Verschiedene typographische Traditionen werden sichtbar

Seien Sie versichert: Mit den unterschiedlichen Darstellungsformen der arabischen Zeichen vom Marokkanischen bis zum Yemenitischen Arabisch, Persisch, Urdu, Uighurisch in China, oder Jawi für Malaiisch ist es noch sehr viel detaillierter. Dennoch reichen für Arabisch 256 Codepoints im Unicode-Standard aus.

Aber betrachten wir den größten Block im Unicode-Standard, die sogenannten CJK-Sprachen (Chinesisch, Japanisch, Koreanisch): Hier gibt es Tausende der <CJK Unified Ideographs>. Dies sind ursprünglich chinesische Schriftzeichen (Han), die allerdings auch in der japanischen (Kanji) und in der koreanischen Schrift (Hanja) verwendet werden.

Die folgende, naheliegende Frage wird auch auf den Seiten der Unicode-Organisation beantwortet (FAQ Chinese, Japanese and Korean):

Reicht dank der gemeinsamen Kodierung der Han-Zeichen im Unicode-Standard nicht ein einziger Font für CJK-Publikationen?

Die Antwort lässt an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig:

A: Broadly speaking, there are four traditions for character shapes in East Asia: traditional Chinese (used primarily in Taiwan, Hong Kong, and overseas Chinese communities), simplified Chinese (used primarily in mainland China and Singapore), Japanese, and Korean. Using a single font for all four locales allows the characters to be legible, but means that some characters may look odd. For optimal results a system localized for use in Japan, for example, should use a font designed explicitly for use with Japanese, rather than a generic Unihan font.

Fazit: Wer versucht, mit einem einzigen Font chinesische, japanische und koreanische Dokumente zu publizieren, ignoriert die kulturellen Traditionen dieser Sprachen. Und es ist mein Eindruck, dass es sich dabei um einen deutlich größeren Fauxpas handelt, als das Durcheinander mit den Anführungszeichen hierzulande. Wollen Sie das Ihre mit einem chinesischen Font gesetzten Dokumente in Japan merkwürdig, skurril, sonderbar wirken?

Das Konzept eines »Global Font« funktioniert nicht!

Selbst wenn ein Font über OpenType-Features die Möglichkeit hat, für bestimmte Sprachen alternative Glyphen zu hinterlegen: Werden denn entsprechende Programme verwendet und wer will das in einem Unternehmensumfeld kontrollieren?

Und hinsichtlich der Arial Unicode (die im Gegensatz zur Nimbus noch erschwinglich ist) als unternehmensweitem Universal-Font sei nachgefragt: Verträgt es sich denn mit den hiesigen kulturellen Traditionen, einen Font zu verwenden, der keinen kursiven und keinen fetten Schnitt und nicht ein einziges Kerning-Paar für die Unterschneidung bestimmter Buchstabenpaare mitbringt?

Meine Empfehlung: Da sich die typographischen Konventionen in den Ländern der EU mit lateinischen, kyrillischen und griechischen Zeichen zumindest ähneln, können diese Bedürfnisse mit drei oder vier Schnitten eines OpenType-Pro-Fonts abgedeckt werden. Für Publikationen in anderen Schriftsystemen planen Sie mit zusätzlichen Schriften und lassen Sie sich typographisch beraten, worauf ich auch bei meinem Beitrag zum Thema Corporate Font hingewiesen habe.

PS: Abschließend ein kleines Beispiel für die Erscheinungsformen des Zeichens U+4EAC; Kenneth Whistler beschreibt hier, wieso bei diesem relativ einfachen Zeichen die Form der Spitze in chinesischen Schriftarten nach links zeigt, während sie im Japanischen eher gerade steht.

U+4EAC in fünf verschiedenen Fonts

(v.l.n.r.: Arial Unicode MS, Simsun, PMingLiu, MS PGothic, Gulim)

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3 Antworten zu Was ist ein »Global Font«?

  1. Thomas Phinney hat zu diesem Thema im Adobe-Forum »Typography« eine ebenfalls deutliche Stellungnahme abgegeben:

    http://forums.adobe.com/

    »You’ll need multiple fonts for East Asian languages. Specifically, separate fonts for each of simplified and traditional Chinese, Japanese, and Korean.

    As I wrote just the other day on Typophile, the particularly thorny problem is dealing with the Han unification characters. Basically, for certain East Asian characters, there are slightly (or sometimes very) different designs for certain characters for all these different languages. Currently, the only functional way to distinguish them is to build an OpenType font with the ’locl’ (locale) feature, and use apps/OSes that process that feature correctly for those languages.

    I’m not sure how widespread such app/OS support is for the ’locl’ feature with those languages, outside of InDesign CS3, but I know that such fonts are pretty much non-existent in the wild. AFAIK, thus far such fonts have only been built by mad scientists in labs (pace Adobe’s own Dr Lunde & Mr Meyer).

    Because of the potential for great efficiency (space savings), I imagine we will see such fonts in the wild in the future.«

  2. Auch wenn der Artikel nun schon eine ganze Weile zurück liegt, möchten wir, als Hersteller der Global Fonts, zu diesem gern Stellung nehmen.

    Bereits vor drei Jahren waren die von uns entwickelten Global Fonts auf dem Stand, problemlos sprachspezifische Eigenheiten abdecken zu können. Unsere Global Fonts verfügen über zahlreiche alternative Glyphen, wie z.B. Unicode Stylistic Alternates für die CJK-Skripte (China, Japan und Korea). Inzwischen haben wir über 8500 zusätzliche japanische Stylistic Alternates und ebenfalls 800 für Taiwan und Hongkong für alle vier Schnitte der Nimbus Sans Global Light, Regular, Medium und Bold entwickelt (kursive Schnitte sind in diesen drei CJK-Ländern übrigens unüblich bzw. nicht im Einsatz). Mittels OTF-Features können Zeichenvarianten problemlos in den Text integriert werden und auf diese Weise länderspezifische Anforderungen erfüllen.
    Somit ist es, entgegen Ihrer Aussage, Herr Müller-Hillebrand, natürlich möglich, mit einem einzigen Font chinesische, japanische und koreanische Dokumente zu publizieren und gleichzeitig die jeweiligen Eigenheiten der Schriftzeichen zu bewahren. Die richtige Anwendung ist dabei nur eine Frage des Satzprogrammes: In Programmen wie InDesign und Quark werden die Fonts als Language Feature korrekt ausgewertet. MS-Office/Word ist zwar Vorreiter bei der multilingualen Skriptunterstützung, aber leider werden die „OTF locl-Features“ eben dort noch nicht unterstützt – was dennoch nicht gegen das Funktionieren und die Sinnhaftigkeit eines Global Fonts spricht.

    Frank Steitiya
    Vertrieb & Marketing Globalfonts
    URW++

  3. Vielen Dank für Ihren Kommentar, Herr Steitiya, und für die Informationen zu den implementierten OTF-Features. In der technischen Dokumentation, meiner Zielgruppe, sind allerdings weder InDesign noch Quark XPress Standardwerkzeuge. Mir scheint, es ist aktuell immer noch leichter (und wirtschaftlicher) für chinesische und japanische Dokumente separat verabredete Fonts einzusetzen, als die Prozesskette auf die nur spärliche unterstützten locl-Features auszurichten.

    Wirtschaftlich interessant würde es aus meiner Sicht, wenn XSL-FO-Prozessoren (AH Formatter, RenderX XEP) diese Opentype-Features unterstützten. Dann könnte ein Global Font die Basis sein, um aus einem formatfreien XML-Dokument mit einem Sprachattribut ein typografisch korrektes und kulturell respektvolles PDF zu erzeugen.

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