Seit dem ich auf der tekom-Frühjahrstagung 2003 (in Hamburg) einen Beitrag mit dem Titel »Volltextsuche oder Stichwortverzeichnis, was ist besser?« gehalten habe, verfolge ich alles zu diesem Thema mit Interesse. So auch das Titelthema der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift technische kommunikation (Heft 1/10), in der Frau Bettina Zastrow mit dem Beitrag »Gute Stichwortverzeichnisse erstellen« vertreten ist.
Mit fast allen Tipps und Ratschlägen des Artikels bin ich einverstanden, auch wenn der Schlüssel von 10 Personentagen Aufwand für die Verschlagwortung von 100 Seiten jedem derartigen Ansinnen den Gar aus machen wird.
Ganz und gar nicht einverstanden bin ich mit Folgendem:
Wie viele Seitenverweise pro Eintrag soll es geben?
Empfehlung: Ein bis drei, maximal vier.
Das ist arg traditionell und stammt aus der Zeit, als man die Länge von Stichwortverzeichnissen schon aus Kostengründen beschränken musste und die Finger der linken Hand ausreichten, diese an bis zu vier Stellen zwischen die Seiten zu stecken, um dann deren Relevanz zu beurteilen.
Aber hallo! Ganz praktisch: Wie stecken Sie Finger zwischen die Seiten einer PDF-Datei oder Topics einer Onlinehilfe?
Und bezüglich Relevanz: Warum nennt uns der Autor/Verschlagworter denn nicht den Unterschied der verschiedenen Zielstellen? Diese Person kennt den Unterschied doch ganz genau! Und wenn es tatsächlich redundante Stellen sein sollten, dann reicht mir auch ein Verweis!
In meinen Augen kann es heute nur eine Regel geben:
Genau eine Zielstelle für jeden Eintrag im Stichwortverzeichnis!
Abgesehen vom Nutzen für den Leser in allen Medien funktioniert nur das ohne Handhabungsprobleme in Online-Medien.
12 Kommentare
Richtig, eine Seite muss reichen. Schreibt ja auch keiner Dasselbe zweimal ins Inhaltsverzeichnis. Möglich wäre natürlich ein Untereintrag (“Pumpe, Wartung” und “Pumpe; Anschluss”). Aber jeder mit nur einer Seitenzahl.
Es sind genau so viele Verweise zu erstellen wie nötig
Da ein Stichwortverzeichnis nur der Autor oder ein mit dem Inhalt Vertrauter erstellen sollte, entscheidet er über die Anzahl der Nennungen. …dann dürfte sich der Aufwand auch nicht mit 1 Tag Aufwand für 10 Seiten Text belaufen! Gern übernehme ich Aufträge zu diesen Konditionen – wo sind solche?
Vielleicht provokant: Warum ein Stichwortverzeichnis, wenn das Inhaltsverzeichnis so gut strukturiert ist, das alles gefunden werden kann?
Ein elektronisches Stichwortverzeichnis darf nicht die Funktion Volltextsuche übernehmen. In einem Print-Medium schon eher.
@Thomas Becker: Wegen solcher Aufträge wenden Sie sich an die Autorin des Artikels
Wenn ein Inhaltsverzeichnis den Inhalt für jede Zielgruppe ausreichend gut erschließt, wäre jede weitere Navigationsmöglichkeit tatsächlich überflüssig. Ansonsten sind wir alle Volltextsuche-verseucht, und quälen uns durch endlose Listen mit Suchtreffern, weil unser Vertrauen in Schlagwortverzeichnisse durch schlechte Umsetzungen nachhaltig erschüttert wurde.
1) Stichwortverzeichnisse werden meiner meinung nach zu selten eingesetzt. Sie bieten einen anderen zugang als IVZ, wenn zb auch synonyme angeboten werden: die phantasie des benutzers ist meist anders als die phantasie des entwicklers oder schreibers.
2) Mehrere seitenangaben pro eintrag sollte meines erachtens durch weitere eintragsebenen ersetzt werden: Statt fischen … 17, 23, 31 könnte dann stehen: fischen / angelfischen… 23; /im trüben…31; /kescherfischer…17
3) In meiner fm-doku von fast 400 seiten habe ich einen dreispaltigen index, der 8½ seiten umfasst. darin sind ca 15 einträge mit 2 seiten-zahlen, zb
colour
RGB versus CMYK …6-4, A-22
Auf 6-4 werden die beiden farbräume erläutert und bei A-22 wird auf “Colours of imported image looks strange” eingegangen. Diese fundstellen haben aber auch noch andere index eintragungen, zb “colour of imported image”.
4) Zu diesem index habe ich bezüglich aufwand nur eine start-angabe (als der text etwa 300 seiten umfasste: 24h inklusive ausräumen von unstimmigkeiten. Da käme ich also auf etwa 2 arbeitstage pro 100 seiten (merke: wirklich an der projektarbeit sind wir höchstens 2/3 unserer arbeitszeit).
5) gerade die index-arbeit ist rekursiv. Es stellt sich zb heraus, dass bei den einen objekten n aktionen notiert sind, bei anderen aber nur n/2. Warum diese ungleichbehandlung? Behandelt der text die diversen objekte kohärent?
6) in den USA gibt es einen ‘eigenen club’ der indexer: leute, welche für fertige werke (bücher) einen index erstellen – die müssen den text natürlich zuerst ‘erfassen’ – was ein technischer autor ja eigentlich schon hat.
@Klaus: Vielen Dank für deine praktischen Beispiele. Aber hätte dein Beispieleintrag nicht ganz besonders eine Aufteilung verlangt? Zum Beispiel:
colour
RGB versus CMYK …6-4
looks strange …A-22
Du sagst es, Michael: nichts ist vollkommen – schon gar nicht die eigene arbeit. Ich bin da hin und her geschwankt und muss mir tatsächlich einige eintragungen nochmals durch den kopf gehen lassen.
Leider besteht bei aufträgen nicht soviel freiheit im ‘nehmen von zeit’. Das konkrete dokument habe ich mit fm 5.5 begonnen und wurde immer weiter entwickelt. Da gibt’s schon irgendwo altlasten (auch im kopf).
Michael sagte: “In meinen Augen kann es heute nur eine Regel geben:
Genau eine Zielstelle für jeden Eintrag im Stichwortverzeichnis!”
Das kann eigentlich nur funktionieren, wenn man den Inhalt selbst folgendermaßen plant:
1. Topic-orientiert formulieren
2. Im Extremfall (= konzeptuell ist das aufwändig, aber eigentlich gar nicht so schlecht für den Anwender) formuliert man je Begriff im Index einen Topic (oder gemäß DITA bis zu 4 Topics: Konzept-, Task-, Referenz-, Lern-Topic – mit entsprechend aufwändiger Zwischen-Topic-Verlinkung
Leider wird eine solche aufwändige Dokumentation in der Regel nicht bezahlt. Aber an Hand eines Index kann man sich sehr gut klar machen (etwa an der Zahl der Fundstellen) in wieweit man schon topicorientiert denkt oder nicht… Daher halte ich den Hinweis Anzahl Verweise 1-4 für durchaus “praxisgerecht” und ist nicht bereits prinzipiell abzulehnen, wobei eine fette Hervorhebung für “Hauptfundstelle” (welcher Info-Topic-Typ?) nicht schlecht wäre.
Ich kann eine Verweichlichung mit Hauptfundstelle o. Ä. nicht akzeptieren. Wenn der Autor schon weiß, welches die wichtigste Fundstelle ist, warum verrät er mir dann nicht, inwieweit sich die anderen davon unterscheiden? Oder sind diese eigentlich überflüssig?
Aus der Anzahl der Seitenverweise pro Stichwort auf den Grad der Topic-Orientierung zu schließen gefällt mir sehr gut.
Du hast ja so Recht, Michael. Der Index ist ein schönes Indiz dafür, ob der Autor dem Leser das Leben einfach machen möchte, oder ihm selbst die Arbeit überlässt. So kann man seine Leser wunderbar schon vor dem Lesen durch lustige Trial-and-Error-Spielchen frusten…
Eine Anmerkung noch zum Thema Index oder Volltextsuche in elektronischen Medien: Der Zoom-Indexer von Wrensoft bietet hier z.B. die Möglichkeit, eine Volltextsuche durch die Angabe alternativer Begriffe zu erweitern. Zum Beispiel kann dann unter “Auto waschen” auch “Fahrzeug waschen” gefunden werden und der Benutzer muss gar nicht mehr unterscheiden, ob er im Index oder in der Volltextsuche nachschlägt. Hier wird meiner Meinung nach der Trend wohl hingehen. Schön ist das auch, wenn ein Unternehmen versucht, seine Terminologie zu vereinheitlichen, seine Kunden aber noch unter diversen Altbegriffen suchen.
Hallo allerseits, mit etwas Verzögerung ein paar Kommentare meinerseits. (Kurze Vorstellung, obwohl ich schon Kontakt zu Michael Müller-Hillebrand hatte: Ich bin Indexer und Informationsarchitekt (Findability does matter!), bin Hauptorganisator des Deutschen Netzwerks der Indexer (DNI) – der einzigen Fachgruppe zum Thema professionelle Index-Erstellung im deutschsprachigen Raum – und Mitglied des von jemand angedeuteten “Clubs”, der American Society for Indexing.)
Zum Artikel:
1) Die Autorin meinte 10 Stunden für 100 Seiten (aber: was ist eine Seite?).
2) Die von der Autorin favorisierte Textmarken-Methode mag eine Alternative zur Indexmarken-Methode sein, die von ihr beschriebene Vorgehensweise ist jedoch recht fehleranfällig und zeitaufwendig. (Leider gibt es auch einige Fehler in ihren Beispielen.)
3) Gut ist, dass die Methode von/bis-Seitenangaben gestattet, wenn auch die problematischen Aspekte hierzu im Artikel nicht erläutert werden.
Zu einigen bisherigen Kommentaren:
1) Michael Müller-Hillebrand weist korrekt auf die Unzulänglichkeiten der Volltextsuche hin. Ein hinterlegter Index in elektronischen Medien mit alternativen Begriffen ist ein gangbarer Ansatz (wahrscheinlich eher in thematisch speziellen Bereichen), ohne tiefergehende Kenntnisse der Vokabularentwicklung bleibt dies aber nur oberflächlich.
2) Ein Inhaltsverzeichnis – und sei es detaillierterer Natur – kann es in Sachen Auffindbarkeit nie mit einem guten Index aufnehmen.
3) Anzahl der Seitenangaben pro Eintrag: generell gilt die in der führenden Fachliteratur gegebene Konvention von max. fünf bis sechs (insbesondere für Printwerke) – sowohl für Haupt- als auch Untereinträge. Mehr würde gegen ein wichtiges Prinzip der Index-Usability verstoßen. Je weniger Seitenangaben, desto leichter für die Benutzer natürlich. Indexing-Veteran Dr. Robert Fugmann ist ein Vertreter des Ansatzes “möglichst eine Seitenangabe pro Eintrag”, welche Teil des von ihm vorgeschlagenen informativen Register-Typus ist.
Einige generelle Aspekte:
1) Die weltweit führende Indexing-Szene ist im angloamerikanischen Raum: Fachverbände, reichhaltige Fachliteratur und spezielle Software. Fast alle Aspekte, die für die englische Sprache gelten, können problemlos auch im Deutschen benutzt werden – auch in der technischen Redaktion.
2) Hierzulande gibt es im Bereich Indexing zuviele Leute, die nicht über den deutschen Tellerrand hinausschauen (können/wollen?) und ständig das Rad neu erfinden wollen bzw. dieselben Fehler (zum Teil der schlimmsten Art!) machen.
3) Indexer in der weltweiten Szene erstellen Indexe so gut wie nie in Word. Das fertige Ergebnis, sprich: der Index, kann aber natürlich in Word abgeliefert werden.
Wie schön, dass ich mit meiner aus dem Online-Bereich abgeleiteten Forderung nach einer Zielstelle pro Eintrag Unterstützung bei Robert Fugmann, dem Autor der DGI-Schrift Das Buchregister finde. An der verlinkten Stelle finden sich auch zwei Rezensionen des Werks.
Da fühlt sich der Laie vom Profi bestätigt.
Das Buchregister ist ein exzellentes Werk, wie auch die anderen Werke von Robert Fugmann, aber es ist höheres Niveau, sprich: man muss sich auch schon etwas in der Informationswissenschaft auskennen, um diese Werke voll verstehen zu können. Mehr zu Robert Fugmann findet sich auch ganz leicht im Site Index der DNI-Website.
Bei einem Hilfe-Index in elektronischen Medien ist praktisch nur ein Locator (der allgemeinere Fachausdruck) pro Eintrag möglich. In einem Site Index ist es aber z.B. sehr wohl möglich, mehrere Locators pro Eintrag zu haben. Kommt halt auf die Art des elektronischen Mediums und die Art der Locators an. (Mit Site Indexen meine ich tatsächliche Indexe, also bitte nicht mit Site Maps verwechseln.)